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The focus is on

Ich habe heute 161 Mal mein Handy entsperrt. 
Nur um zu schauen, ob ich eine Nachricht von einem Mann habe, den ich vor sechs Tagen kennengelernt habe. Manchmal vergingen weniger als 3 Sekunden, in denen ich Instagram geschlossen und wieder geöffnet habe, weil kann ja sein, dass er in diesen Sekunden angefangen hat, zu tippen. 


Ich habe heute den sechsten Tag hintereinander mein Schrittziel erreicht. Sicher kennt ihr das von eurer Smartwatch oder Smartphone. Standardmäßig sollt ihr 10.000 Schritte am Tag gehen, für eure Gesundheit. 
Ich arbeite im Büro, ich bekomme keine 10.000 Schritte zusammen, daher hab ich ein dynamisches Ziel eingestellt -  es fing bei 10.000 an und immer, wenn ich es einige Tage nicht erreicht habe, ging es dann ein Stück runter. Für die Motivation, damit man es überhaupt schafft. 

Mein dynamisches Schrittziel lag bei 4400 Schritten und auch das habe ich oft nicht erreicht. Dann hab ich beim Tanzen diesen Mann gesehen, wollte so lange es geht die Aussicht auf ihn genießen und tanzte einfach weiter, blieb länger im Club bis er mich angesprochen hat und war sofort hin und weg. Wir folgten uns auf Instagram, ich sah mir seine Beiträge an, die ihm beim Sport zeigen. Und irgendetwas daran inspirierte mich, weckte in mir einen Kampfgeist den ich mehrere Jahre nicht hatte. Sport war für mich undenkbar, ich habe so viele Geräte gekauft, die mir den Einstieg erleichtern sollten, nichts hat funktioniert. Doch irgendwie wollte ich plötzlich einfach auch dieses Fitnesslevel erreichen. 
Heute, 6 Tage nach dieser Begegnung liegt mein dynamisches Schrittziel bei 13.000 Schritten und ich habe es mit 16.700 Schritten überboten. 

Vielleicht denkt ihr euch jetzt, dass das doch nicht viel sind aber - ich habe monatelang nicht einmal die 4400 täglich geschafft. 
Ich habe außerdem seitdem jeden Tag Kraftsport gemacht und war sogar draußen joggen. Jeden Tag! Ich habe dabei geschwitzt, meine Beine zitterten, meine Muskeln schmerzten und irgendwie fand ich's geil, selbst den Muskelkater danach. Plötzlich schöpfe ich so viel Kraft aus den sportlichen Aktivitäten wie nie zuvor.


Das, was in meinem Gehirn vor sich geht ist mein Hyperfokus, getrieben von der ADHS.

Was für Außenstehende klingt, als sei ich einfach nur verknallt, ist für mich ein permanentes Gefühl der Überwältigung in jegliche Richtung. Mein Hirn sehnt sich nach Kontakt jeglicher Art, es idealisiert die Person, vergleicht alles und jeden mit ihm, ich entwickle eine extreme Energie, solange er involviert ist und sei es auch nur passiv. Jedes andere Hobby ist uninteressant geworden. Er ist die Quelle meines Dopamins - nichts anderes. Ich möchte jegliches Wissen über ihn einfach aufsaugen, ich möchte wissen wie er aufgewachsen ist, welche Träume und Ziele er hat, wovor er Angst hat, was er am liebsten isst, welche Musik er hört und auch die körperliche Anziehung kann ich nicht leugnen. Ich möchte wissen wie er sich anfühlt, wie er schmeckt, wie er riecht.

Doch ebenso schnell schlägt meine Stimmung und meine Unsicherheit um, wenn mal keine Nachrichten kommen, wenn er online war, doch mir nicht geantwortet hat. Oder wenn seine Antwort lustlos oder gereizt klingt - dann ist mein ganzer Tag gelaufen. Sofort frage ich mich, was ich falsch gemacht habe, wie ich es wieder gut machen kann, ich habe große Verlustängste - bei einer Person, die ich 6 Tage lange kenne, die ich bisher nur zwei Mal gesehen habe. 

Er hat eine so große Macht über mein gesamtes Handeln und Denken und weiß nicht einmal etwas davon. Für ihn ist es ein harmloser Flirt, für mich hat es mein momentanes Leben verändert, ich bin eine gänzlich andere Person. Ich habe Energie, mache Sport, verbringe meine Wochenenden im Club, wo ich bis halb 4 morgens alleine, für mich tanze (und für ihn natürlich. Damit er was zum Schauen hat.)

Ich habe mich komplett in den Gedanken an ihn verloren und weiß, dass ich jetzt einfach ausharren muss, warten muss, bis es von selbst vorbei geht oder bis ich eine neue Dopaminquelle finde. Doch, ehrlich gesagt, hat noch kein Hyperfokus so gute Auswirkungen auf meine Gesundheit gehabt. Sport ist doch schließlich gut gegen den hohen Blutdruck, gegen die überschüssige Energie der ADHS (haha.), gegen Depressionen und auch ein eigenes Selbstbild hat sich so stark gewandelt. Ich sehe mich und meinen Körper ganz anders, obwohl er sich noch gar nicht verändert hat. Aber endlich mag ich mich wieder. Einfach so. Weil ich diesen einen Mann kennengelernt habe. 

Wer sich jetzt denkt, dass es wie der Beginn einer Liebesgeschichte anhört, muss eines wissen: ich bin seit 8 Jahren in einer liebevollen Beziehung. Ich werde an einem Punkt ankommen, in dem ich diese in Frage stelle, an dem ich mir eine eigene Wohnung suchen möchte, an dem ich aus meinem Leben entfliehen möchte. Aber auch an dem ich diese ganze Liebe, die ich für beide empfinde auch mit beiden am liebsten teilen würde, ich möchte, dass beide Teil meines Lebens sind. Dieses innere Verlangen wird immer größer werden und einzig allein das bisschen Vernunft, welches übrig bleibt, wird mich daran hindern, alles über den Haufen zu werfen - die Vernunft und das Wissen, dass all diese Gedanken nur aufgrund chemischer Reaktionen in meinem Kopf entstehen. 

Dass der Hyperfokus nur eine Phase ist.

Eine Phase, die mich mit so viel Leben erfüllt, dass ich mein Dasein endlich wieder genießen kann. 



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